| Warum Scheisse? |
„Die Ausscheidung ist kein Mittler zwischen zwei Aneignungen, Warum wir das Medium „Scheiße“ für unseren Protest benutzenMit einer kleinen Unterbrechung unseres Arbeitsalltags im Pflege- und Assistenzbereich, mit der „Weigerung“ den täglich anfallenden Scheiß einfach still schweigend zu entsorgen, wollen wir den Scheißefluss unmittelbar zu den Akteuren umleiten, die für die immer beschisseneren Arbeitsbedingungen in diesem Sektor mitverantwortlich sind. Gleichzeitig sind dies Akteure, die sich aus ökonomischen Gründen einer institutionalisierten Konfliktregelung weitestgehend entziehen. Wo keine Interessensvertretungen, da keine Kosten. Bereits Ole Wittmann resümierte angesichts einer skandalösen Performance der Wiener Aktionisten, die 1968 begleitetet von der österreichischen Nationalhymne öffentlich urinierten und defäzierten, „dass sich das Volk bei einem Haufen Scheiße mehr aufregt, als bei allen Berichten über den damals ausgefochtenen Vietnamkrieg“. Für unsere Aktion wählen wir das Medium Scheiße jedoch nicht nur aus Aufmerksamkeitsgründen, sondern auch deshalb, weil wir all die verlogenen, alltäglichen Reaktionen einer Öffentlichkeit leid sind, die uns mit kummervollem Blick bestätigen, was für eine doch wichtige Arbeit wir machen. Um dann im letzten Moment, bevor man sich eilig einem anderen Thema zuwendet, noch hinterher zu schieben: „also ich könnte das ja nicht“. Während viele Jobs am Menschen unproblematisch erscheinen, ist der Pflegebereich, der Umgang mit den fremden, kranken und alten Körpern, der Umgang mit realen Verletzungen, Wunden und Ausscheidungen tabuisiert. Pflegeberufe – historisch betrachtet eine weibliche Domäne - stehen auf der untersten Stufe sozialer Anerkennung. Unsere Ausscheidungen vertrauen wir den Ausgeschiedenen an: den gesellschaftlich und ökonomisch Ausgeschiedenen, Abgedrängten, Marginalisierten. Geht weg. Aus dem Blick. Ab-ort. Wir wissen natürlich, dass sich unsere Tätigkeit keineswegs nur auf den Umgang mit körperlichen Ausscheidungen reduzieren lässt. Wir schmeißen den Haushalt, kochen, animieren zu unterschiedlichsten Freizeitbeschäftigungen, sind Bewegungs- und Atemtherapeuten, Helfen bei Behördengängen, Anträgen, dem Einrichten des Computers und anderen alltäglichen und nicht-alltäglichen Dingen, besorgen die Grundpflege, übernehmen – auch wenn dies gar nicht zulässig ist - oft genug auch eine Behandlungspflege, machen Sterbebegleitung, streiten uns mit Ärzten und versuchen eine Kommunikation beispielsweise zwischen Krankenhaus, Hausarzt, Vormund und Pflegedienstleitung zu gewährleisten; sind psycho-soziale Anlaufstelle nicht nur für die betreute Person, sondern auch für das familiäre Umfeld, oder wir organisieren den Urlaub und sind Reisebegleitung, kümmern uns um das emotionale Wohlbefinden oder die Kommunikationsfähigkeit der jeweils von uns betreuten Person. All das und vieles mehr gehört zu unserer Tätigkeit. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung scheint sich unser Job auf ein bisschen Haushalt und „Arsch abwischen“ zu reduzieren. Sei’s drum, wir haben kein Problem auch mit Scheiße zu arbeiten und von daher schicken wir Euch diese jetzt solange zurück bis unsere Arbeit zumindest finanziell halbwegs angemessen honoriert wird. --- Soll sich doch der Typus des ignoranten und unsolidarischen Bürgers, der gerne von Klatschreportern und den Kameras billiger Meinungsmache gesucht wird, weiterhin über den ein oder anderen „Scheiß Streik“ im Nahverkehr, bei der Müllabfuhr oder wo auch immer aufregen. Erst jetzt wird er neben anderen erfahren, was ein tatsächlicher Scheiß-Streik eigentlich ist – oder sein könnte: die erzwungene Umleitung verschiedener Ausscheidungen und Ausgeschiedener zurück in den gesellschaftspolitischen Kreislauf. Wenn ihr uns weiter überseht, werdet ihr was zu riechen bekommen.
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