| Historische Vorbilder des Scheiß-Streiks |
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In seinen „Obszönen Fabeln“ erzählt der italienische Literaturnobelpreisträger Dario Fo u.a. die Geschichte vom „Aufstand in Bologna“. Die auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahre 1334 beruhende Geschichte, zeigt welche Bedeutung „Scheiße“ in sozialen Kämpfen zukommen mag.
Der Aufstand von Bologna (Auszug)
Von Dario Fo, nach einem wahren Ereignis von 1334 Die Menschen aus dem Volk sahen Pferde und Wagen näher kommen, Karren und Maultiere, in Richtung Zugbrücke, die zur Guten Burg führt. Sie transportierten Schweine, transportierten Ziegen, führten Ochsen am Strick und Kühe – „Was geht hier vor? Bringen sie all diese Sachen hinein? Aber diese Dinge gehören uns! Der Allgemeinheit! Sie bringen’s aufs Schloß? Was sollen wir essen?!“ ... Alles haben sie hinaufgebracht! Sogar den Wein haben sie uns gestohlen, das Öl, den Schweinespeck! – Alles haben sie sich genommen: Lebendig und tot. --- Randvoll haben sie ihre Vorratslager und Keller gefüllt! Zum Teufel auch! Das Volk schaut dumm aus der Wäsche: Sie haben sich verrammelt! Alle, der fürstliche Legat und die Kardinäle, die Grafen und ihre Söldner ... ihre Damen und Dämchen, sogar die Huren. Die Nonnen, Mönche und die ganze Bagage! Und unsereins, ohne eine Rübe zum Fressen! Uns bleibt nur der Vorgeschmack auf den Hungertod! Der Rat wird einberufen, alle volljährigen Männer, die alten und jungen von Ansehen und Geld, das Parlament, und zum Schluss wird beschlossen: „Wir müssen das Kastell angreifen. Wir können nicht zulasssen, dass die sich da oben ein feines Leben machen.“ „Aber wie denn? Auf welche Weise? Auch mit Waffengewalt?“ So haben sie geredet, diskutiert, einen Haufen Vorschläge gemacht und zum Schluß haben sie eine Entscheidung gefällt. Sie haben alle Schleudern angebracht, die sie auftreiben konnten: Kugelschleudern und Steinschleudern mit gewaltigen Wurfarmen, die Steinschleudern mit den aufgewickelten Seilen und die steinalten mit Katapultsystem. Alle Wurfgeräte haben sie rund um das Kastell aufgereiht. Dann haben sie ausgeschickt nach Modena und auch zu denen nach Fidenza, sogar zu denen nach Crae und nach Bisonta, zu den ganzen Ortschaften, die sich der Liga gegen den Legaten und seine Clicque angeschlossen hatten. Und haben sich auch von da die Schleudern und Katapulte geholt. Alles klar, und haben alle Geräte wurfbereit gemacht. Alles rund um die Burg, und auf den Zinnen und Türmen stehen oben welche in französischen Waffen und lachen: „Har, har ... Ihr könnt soviel Steine schleudern, wie ihr wollt – zwei Jahre lang griechisches Feuer, bevor ihr uns kriegt! – Was wollt ihr ausrichten mit Katapulten und Hammerwerfern gegen die Mauern einer Burg, die sich nicht einmal dem deutschen Kaiser ergeben hat?“ Dabei machten sie Zeichen mit den Fingern, um die Leute zu verspotten, die unten standen und die Seile spannten, um die Wurfmaschinen einsatzbereit zu machen. Hatten die eine Wut! ... Aber da, auf einmal, hört man einen Schrei des Entsetzens der Leute, die oben auf dem Turm stehen: Da unten sehen sie Bauern, die mit Eimern kommen – Nicht Steine schleppen sie herbei, sondern Eimer, Handkarren, Schubkarren und Bottiche. Irgendwelches Zeugs schleppen sie an, das man nicht erkennen kann. Aber dann füllen sie die Wurfschalen der Katapulte voll Scheiße. „Wollen die uns etwa mit Scheiße beschmeißen?! Die schmeißen mit Scheiße! Flatsch! In allen Ecken der Burg regnet es Scheiße!“ Und seit diesem Tag brachte jeder, ob groß oder klein, Kind oder Erwachsener, das ganze Volk, von früh bis spät sein Häufchen zu den Wurfgeräten, damit sie es in die Burg hinüberschießen konnten. Es war eine staatsbürgerliche Pflicht. Und diejenigen, die Familien, die am meisten geschissen hatten, wurden hoch geehrt und mit Beifall bedacht: „Gute Genossen und Aktivisten! Ihr seid wahrhafte Patrioten!“ Die Waldarbeiter, die aus ihren Bergen kamen, um sich das Schauspiel anzusehen, wurden nicht durchgelassen: „Was wollt ihr hier?“ „Zuschaun, wie die Päpstlichen mit Scheiße beworfen werden!“ „Hier darf nur durch, wer Scheiße mitbringt!“ Sogar aus Ferrara kamen sie an -- ... „Braucht ihr Hilfe?“ „Ja, Scheiße!“ ... Alles sammelte sich rund ums Kastell: Mit Bottichen und allen Arten von Karren bis zum Rand gefüllt, und jeder wartete, bis er drankam. ... In der Burg gab es auch einen Mönch, der schreiben konnte und an einer Chronik arbeitete. Es heißt bei ihm: „Hier ist die Hölle los, und es scheint so, als hätten sich Jesus Christus in Person, der Herrgott selber und mit ihnen sämtliche Heiligen und alle Engel im Himmel zusammengetan, um uns zuzuscheißen!“ Die oben auf der Burg besaßen alles --- Sie hatten zu essen und zu trinken, aber sie kriegten keinen Schluck Wein runter. – Alles war voller Scheiße. Sie machten sich was zu essen: Es schmeckte nach Klo! Sie legten sich nieder, um miteinander zu schlafen: Es war, als würde man eine Kloake umarmen! Dann eines Tages kam ein großer Wind auf, der im Burghof wie ein Ventilator wirkte, und der Abfall und die Scheiße wirbelten in der Luft herum. Ein Unglück! Die Nonnen fangen zu heulen an --- Beten den Rosenkranz und bei jedem „ora pro nobis“ müssen sie kotzen. Wenn die Bauern auf den Dörfern mit ihren Kindern nicht zurechtkamen, sagten sie zu ihnen: „Wenn du schön brav bist, darfst du Sonntag mit in die Stadt und zuschauen, wie die Päpstlichen mit Scheiße beworfen werden.“ Und jetzt muß man sich einmal vorstellen, dass die in der Burg damit gerechnet hatten, sich zwei Jahre lang verteidigen zu können. Nach nur zwei Wochen hat der Burghauptmann auf Befehl des päpstlichen Legaten bereits die weiße Fahne gehisst. Wie man so sagt: Weiße Fahne. Und darum gebeten, zu verhandeln. ... (Aus: Dario Fo: Obszöne Fabeln / Mistero Buffo)
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